Buchcover Thomas S. Kuhn „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“

Wissenschaftsgeschichte

Was ist Wissenschaftsgeschichte? Wozu Wissenschaftsgeschichte?
Buchcover Thomas S. Kuhn „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“
Foto: Jan-Peter Kasper (Universität Jena)

Die Wissenschaftsgeschichte befasst sich mit der historischen Entwicklung der Wissenschaften. Sie fragt, wie bestimmte wissenschaftliche Disziplinen entstanden sind, wie sich bestimmte Methoden und Theorien etabliert haben, wie die Wissenschaft zu dem wurde, was sie heute ist. Wissenschaft wird dabei als ein Prozess verstanden, der mit politischen, sozialen und kulturellen Entwicklungen eng verbunden ist. Aus diesem Wissenschaftsverständnis ergibt sich für die Wissenschaftsgeschichte eine doppelte Aufgabe. Einerseits untersucht sie die politischen, sozioökonomischen, kulturellen sowie die epistemologischen Voraussetzungen für neue wissenschaftliche Erkenntnisse in verschiedenen historischen Kontexten und Zeitepochen. Andererseits erforscht sie die Auswirkungen von Wissenschaft auf die Gesellschaft. Diese Interaktionen zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Kultur können für längere Zeiträume anhand der Entwicklung von Wissensfeldern, Institutionen, Begriffen und Theorien untersucht werden, aber auch aus einer Mikroperspektive auf Instrumente, Technologien, Forschungsobjekte oder Experimentalsysteme betrachtet werden.

Die Wissenschaftsgeschichte versteht sich als interdisziplinäres Fach, das als „Brückenbauer“ zwischen Natur- und Geisteswissenschaften fungiert. Ihr Fokus sind die Naturwissenschaften und ihre Wissenspraktiken, aber als historische Disziplin steht die Wissenschaftsgeschichte auch im engen methodischen Austausch mit weiteren geistes- und sozialwissenschaftlichen Fachrichtungen. Die Philosophie und historische Epistemologie bieten ihr wichtige Ansätze, um den Prozess der wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung und seine historischen Bedingungen zu reflektieren. In Interaktion mit den Kulturwissenschaften untersucht sie z.B. die erkenntnisleitenden Funktionen und kulturellen Dimensionen von Konzepten und Metaphern in den Wissenschaften. Der Blick auf Technologien als Voraussetzung und Resultat naturwissenschaftlicher Forschung bringt sie in Kontakt mit der Technik- sowie der Wirtschaftsgeschichte. Hinsichtlich der Wechselwirkungen von Wissenschaft, Ökonomie und Politik erhält die Wissenschaftsgeschichte wichtige Impulse von den gegenwartsbezogenen Sozialwissenschaften, insbesondere den Science and Technology Studies.

Mit ihrer interdisziplinären Ausrichtung will die Wissenschaftsgeschichte zu einer kritischen Reflexion über die Rolle der Wissenschaften in der heutigen Gesellschaft beitragen. Studien der letzten Jahrzehnte haben das Bild eines von ‚großen Männern‘ getragenen linearen Fortschritts hinterfragt, der sich gegen die Widerstände von Religion, kulturellen Traditionen und Politik vollzieht. Die Aufarbeitung der Rolle von Wissenschaften in der NS-Zeit oder im ‚Kalten Krieg‘ hat die These einer genuin wertfreien Wissenschaft, die in einem negativen politischen Kontext bestenfalls behindert und schlimmstenfalls „missbraucht“ wird, grundlegend revidiert und damit auch das Bewusstsein für die politische Verantwortung von Wissenschaftler*innen geschärft. Betrachtungen vor allem der Lebenswissenschaften aus geschlechterhistorischer Perspektive haben gezeigt, wie sehr deren Ideen durch kulturell verwurzelte Geschlechterbilder geprägt, also keineswegs ‚wertfrei‘ sind. Die historische Entstehung und Entwicklung von Wissenschaften in ihren jeweiligen politischen, sozialen und kulturellen Kontexten zu erforschen, beinhaltet also stets eine Auseinandersetzung mit den Fragen was Wissenschaft ist, welche Bedeutung und Funktion sie in der Gesellschaft hat.

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